Predigt zur Jahreslosung 2007 7. Januar 07 Jürgen Baumgart / Malmedy
Die der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. (Röm 8, 14)
Lesungen:
Psalm 72, 1-2.12.17b-19
Römer 12, 1-3
Matthäus 3, 13-17
Predigt. Jahreslosung
Liebe Gemeinde !
Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? – diese Worte werden uns als geistlicher Leitsatz durch das gerade beginnende Jahr begleiten. Siehe, ich will ein Neues schaffen – der das spricht, ist also nicht einer, der die guten Vorsätze vom letzten Jahresende über die ersten Tage des neuen Jahres hat retten können, und sich nun daran macht, sie zu verwirklichen – der das durch den Mund des Propheten Deuterojesaja spricht, ist der Schöpfergott selbst, der allein in der Lage ist, ein Neues im wahrsten und wirklichsten Sinn des Wortes zu schaffen. Der Prophetenspruch, nun zur Jahreslosung geworden, wird uns an diese Wahrheit erinnern – den einen, die von grundsätzlich Neuem wenig halten, zum Ärger, den anderen, die darauf vertrauen, dass solches Neues geschaffen wird, das außerhalb ihrer eigenen Möglichkeiten liegt, zur Freude.
An der Grenze zwischen Stillstand und Bewegung, zwischen Traditionalismus und Dynamismus scheiden sich die Geister – und es entsteht Neues.
Was aber war das Neue, was kann und wird es sein?
Gott spricht: Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?
Mit diesen Worten versetzen wir uns zunächst um etwa 2500 Jahre zurück in unserer Zeitrechnung. Größere Teile des Volkes Israel waren seit Jahrzehnten zwangsweise im babylonischen Exil. Das neigt sich nun seinem Ende zu. Wie viele das zu Zeiten erkannt haben, mag dahingestellt sein, einer war jedenfalls der Deuterojesaja genannte Prophet. Länger schon war er der Mutmacher der Exilierten gewesen, hatte er ihnen doch geholfen, ihre religiöse Identität zu bewahren, sich aber gerade auch deswegen in der fremden Umgebung zu bewegen und an ihren Lebensäußerungen teilzunehmen, nicht jedoch in ihnen aufzugehen. Ziel für die Exilierten und natürlich ihn selbst war immer die Rückkehr nach Jerusalem geblieben. Dass das Erreichen dieses Zieles natürlich auch von der politischen Entwicklung in der Region abhing, wird zumindest dem Propheten deutlich gewesen sein. Und so nimmt es letztlich nicht Wunder, dass er in der Eroberung der Stadt Babylon durch die Perser unter Cyros II. im Jahre 539 v. Chr. , mit der auch das Ende des babylonischen Reiches einherging, den Beginn dessen sah, was in dem Prophetenwort - Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? - versprochen worden war. Und in der Tat, der Perserkönig verfolgte eine andere Völkerpolitik, als die Babylonier – wie andere deportierte Völkerschaften auch, durften die Israeliten nach Hause gehen. So war ein Neues im Entstehen, es brauchte seine Zeit, es musste viele Widerstände überwinden in den Köpfen und Herzen, aber es wuchs auf, das Neue – und wenn auch unter Zuhilfenahme der Perser und der Erfahrungen aus der Zeit in Babylon –in der alten Heimat knüpften die Rückkehrer an die alten religiösen Traditionen an, der Tempel wurde wieder errichtet. Aber man behielt ebenso die neuen Erkenntnisse bei, die besagten, dass Gottesdienst auch an einem anderen Versammlungsort, als ausschließlich dem Tempel, gefeiert werden konnte, im Haus der Versammlung, der Synagoge, so, wie man es während der Zeit des Exils getan hatte. Eine Erkenntnis und eine Entwicklung, die in späteren Zeiten der Bedrängnis und der Jahrtausende währenden Zerstreuung dazu beitrug, dass das jüdische Volk religiös authentisch blieb und eben nicht, wie Tausende andere Völkerschaften, im Schmelztiegel der Geschichte unterging. Wenn man so will, dann ist in der Gesamtgeschichte des Volkes Israel, ob es nun auf Höhen stand oder tiefste Tiefen durchwanderte, immer die Neues schaffende Hand Gottes zu erkennen, auch wenn das häufig nur in minimalsten Spuren sichtbar wurde und wird.
Dass auch durch politische Ereignisse Heilsgeschichte geschrieben wird, werden damals die wenigsten angenommen haben, hatte sie doch ihre Erinnerungen an eigenes politisches Bemühen und dessen Scheitern, das Exil war ja kein reiner Willkürakt der Babylonier gewesen. Und insofern ist durchaus verständlich, dass so mancher einer geistlichen Erneuerung als Folge politischer Umbrüche skeptisch gegenüberstand. Damals war die Skepsis unangebracht, bei vielen späteren Ereignissen zeigte sie sich als notwendig und richtig, besonders bezüglich der Erneuerungsbewegungen des 20.Jahrhunderts, die allesamt in politischen, menschlichen, ethischen und letztlich auch religiösen Katastrophen endeten. Eine Bewegung, irgendetwas, in dem Neues gesehen werden kann, ist keineswegs schon deshalb zu begrüßen und zu unterstützen, weil Mehrheiten etwas zu sehen glauben, es muss sich als umfassend menschenfreundlich erweisen, und das so z u bestätigen ist eine langwierige Aufgabe.
Als 1914 der 1. Weltkrieg ausbrach, folgten auf allen Seiten Millionen begeistert dem Ruf zu den Waffen, weil alle sich von diesem Waffengang etwas "Neues" versprachen.
Die russische Revolution von 1917 leitete eine "Neue Zeit" ein, die als Katastrophe zuerst für die eigenen Völkerschaften und danach für die gesamte Menschheit ihre Spuren bis in diese Tage hineinwirft.
Ohne diese Revolution hätte es wahrscheinlich weder den deutschen Nationalsozialismus mit seinem "Neuen deutschen Geist", der auch von Kirchenleuten mit den skurrilsten Beschreibungen als die Weltenwende gesehen wurde, die dann allerdings in den 2.Weltkrieg mit seinen Abermillionen Kriegstoten, den Völkermord an den Juden und anderen einmündete. Es hätte keinen asiatischen Kommunismus gegeben, keinen Mao, keinen Pol Pot, keinen Kim Ill Sung, deren Regime wiederum viele Millionen Menschenopfer forderten. Es hätte keinen Kalten Krieg gegeben, und auch keine politischen Hinterlassenschaften dieser Zeit, die gegenwärtig die Welt in manchen Regionen derart destabilisieren, dass Flächenbrände immer wahrscheinlicher werden, und wieweit die letztlich unter Kontrolle gehalten werden können, steht vollkommen in den Sternen.
Das Rad der Geschichte ist leider nicht zurückzudrehen, und so müssen wir mit den Ergebnissen leben, den politischen und gesellschaftlichen ebenso, wie mit den wirtschaftlichen und auch religiösen. Aber fragen, was sich anderenfalls ergeben hätte, darf man schon.
Wer positiv denkt, wird sagen – eine Welt hätte sich ergeben, die den Ursehnsüchten der Menschen nach Heilsein um einige Schritte näher gewesen wäre – jetzt schon.
Und man wird vielleicht sagen, vielleicht sogar selbstkritisch: Wir haben das alles selbst verspielt – aus historischer Dummheit, aus Besitzgier, aber vor allem aus Lieblosigkeit gegenüber uns selbst, gegenüber den Mitmenschen irgendwo auf der Welt, und gegenüber Gott.
Wir wollen letztlich nicht hören, dass Gott ein Neues schaffen will, wir wollen selbst Neues erschaffen, aus eigenen Kräften, nach eigenen Vorstellungen, ohne die ethischen und moralischen Grenzen, in die wir gewiesen sind, wenn wir Gott trauen und glauben.
Es ist uns also sehr wohl bewußt, dass wir über den menschlichen Einflussbereich hinaus verantwortlich sind für das, was wir tun, und ebenso für das, was wir unterlassen.
Wer anderes aber, als Gott selbst, sollte diese Verantwortung einfordern?
Sich ihr letztlich zu entziehen, um ganz eigene Wege zu gehen, scheint für so manchen recht einfach zu sein – Gott wird ignoriert, mehr ist nicht nötig.
Und so glaubt man, eigene Reiche, eigene Heilslehren und eigene Erlösungskonzepte aufstellen und anbieten zu können – die Bemühungen darum und die Ergebnisse solchen menschlichen Handelns sind durch die Geschichte hindurch zu beobachten, am schrecklichsten, am verheerendsten für den Menschen an Körper und Seele zeigen sich im Blick auf das 20.Jahrhundert – da waren wirklich die Tore zur Hölle geöffnet werden – und sie konnten bisher nicht wieder ganz geschlossen werden. Vielerlei Kräfte sind daran interessiert, dass das auch so bleibt, trotz auch allen gegenteiligen Bemühens.
In einer wirklich so dramatischen und nicht nur dramatisierten Situation erreicht uns mit der Jahreslosung das rettende Versprechen Gottes: Siehe, ich will ein Neues schaffen! Nicht irgendwann, sondern jetzt! jetzt wächst es auf! heißt es. Aber es heißt auch: Erkennt ihr’s denn nicht?
Wir wären wohl gern bereit, in dieser oder jener Veränderungsandeutung das aufwachsende Neue zu erkennen, aber wir sind vorsichtig geworden – gegenüber jedem Wort, und sei es das Wort Gottes.
Vertrauen zu wagen ist, nach allen bisherigen Menschheitserfahrungen, schwierig. Aber eine andere Erfahrung besagt, dass es ohne Vertrauen auch nicht geht. Lassen wir uns doch wenigstens auf das Wort Gottes ein in diesem Jahr:
Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, seht ihr’s denn nicht?
Amen!