Predigt zum Familiengottesdienst am 24. April 2005 Jürgen Baumgart/Malmedy

 

Mtt 21, 18-22

18 Als er aber am Morgen wieder in die Stadt ging, hungerte ihn.

19 Und er sah einen Feigenbaum an dem Wege, ging hin und [a] fand nichts daran als Blätter und sprach zu ihm: Nun wachse auf dir niemals mehr Frucht! Und der Feigenbaum verdorrte sogleich.

20 Und als das die Jünger sahen, verwunderten sie sich und fragten: Wie ist der Feigenbaum so rasch verdorrt?

21 Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr nicht allein Taten wie die mit dem Feigenbaum tun, sondern, [a] wenn ihr zu diesem Berge sagt: Heb dich und wirf dich ins Meer!, so wird's geschehen.

22 Und alles, was ihr bittet im Gebet, wenn ihr glaubt, so werdet ihr's empfangen.

Liebe Gottesdienstbesucher,

wie es der Zufall will, kommt zu all dem, was wir bisher gehört, gesehen und getan haben, auch noch eine Baumgeschichte aus der Bibel dazu. Und die ist eigentlich gar nicht so schön, beschreibt sie doch das jähe Ende eines Baumes. So richtig verstehen, was da passiert, können wir, glaube ich, nicht. Bei jedem Wildwuchs in unseren Gärten überlegen wir zig Mal, ob wir ihn abschneiden oder nicht, egal, ob es sich dabei um ein selbst ausgesätes Obsbäumchen oder einen herangewehten Ahorn handelt. Und häufig genug bringen wir es nicht übers Herz, die Säge in die Hand zu nehmen. Es ist doch ein Baum, wenn auch nur ein kleiner, warum soll er nicht das Recht haben, zu leben und zu wachsen. Nach ein paar Jahren, wenn er groß geworden ist und mit seinen Zweigen und Blättern den anderen Gartenpflanzen das Licht nimmt, wenn die Blumen nicht mehr so schön blühen, die Stachelbeeren immer kleiner werden und der Salat gerade mal noch drei Blätter treibt, werden wir anders über diesen Baum denken, ihn unbedingt weghaben wollen. Doch ohne eine Genehmigung geht das dann nicht mehr, und ob wir sie bekommen, ist fraglich, sitzen auf den Genehmigungsämtern doch häufig Leute, die zwar in Baumkategorien denken, nicht aber an Licht und Schatten, und ihren Salat oder die Stachelbeeren ernten sie nicht in ihrem Garten, das kaufen sie im Supermarkt. Und so sitzen wir im Schatten eines völlig zwecklosen Baumes und trauern unserer ehemaligen Gartenpracht nach. Ja ja, es können Vögel darin nisten und Blattläuse ihre Nahrung finden, er reinigt auch ein bißchen die Luft, aber er steht in unserm Garten, und darin hätten wir eigentlich dieses oder jenes säen und ernten wollen – aus der Traum, denn da steht der Baum.

Zur Zeit Jesu gab es noch keine Gartenbauämter, dafür aber Obstbäume, die einfach so am Strassenrand standen, und jeder, der vorbeiging und ein bißchen Lust auf ihre Früchte oder einfach Hunger hatte, konnte sich an ihnen bedienen. Solch eine Begebenheit erzählt der Evangelist Matthäus ja auch. Jesus geht morgens nach Jerusalem hinein, und weil er wohl noch nicht gefrühstückt hatte, knurrte ihm ein bißchen der Magen. Und da steht ein Feigenbaum. Wer schon mal frische Feigen gegessen hat, wird sich vorstellen können, daß ein paar dieser Früchte durchaus zu einem kleinen und dazu noch köstlichen Frühstück gut sind. Er tritt also an den Baum heran, voller Vorfreude auf den Genuss, der ihm gleich zuteil werden wird, aber was ist – nur Zeige und Blätter, nicht eine einzige Feige. Die Vorfreude ist dahin, der Magen knurrt weiter, und irgendwie kann man ja nachvollziehen, dass er ziemlich sauer ist im Moment. Und jetzt wird die Begebenheit ziemlich wundersam – dieser Feigenbaum, der nicht eine einzige Frucht trägt, verdorrt im Handumdrehen. Er ist seiner Aufgabe, seiner Bestimmung, nämlich Feigen hervorzubringen, nicht gerecht geworden bis jetzt, bis zu diesem Augenblick, also ist er nutzlos und kann verdorren, so einfach ist das. Nur schön in der Gegend herumzustehen und mit den Blättern zu wackeln, das ist zu wenig für einen Feigenbaum. Ziemlich hart!

Nun wissen wir ja – oder können es uns zumindest denken – dass solche Geschichten in der Bibel nicht einfach so zum Spaß oder zum Herumwundern erzählt werden, sondern weil damit immer etwas ganz Bestimmtes gesagt werden soll, was sich auf den Menschen bezieht. Und das ist natürlich auch hier der Fall. Stellen wir uns vor, Jesus kommt zu einem Menschen, der ist ganz lebendig und lustig und schön anzuschauen. Weil das so ist, denkt er, er könne viele gute Eigenschaften, viele gute Früchte an ihm entdecken, Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit und Liebe, ein großes Herz, ein offenes Ohr und viel Verständnis – und ein Frühstück, für jemanden, dem der Magen knurrt. Und dann muß er feststellen, dass dieser Mensch nichts weiter ist, als lebendig und lustig und schön anzuschauen – und ein Frühstück für jemanden, dem der Magen knurrt, hat er sowieso nicht. Er wird seiner Aufgabe, seiner Bestimmung, nämlich für andere Menschen dazu sein, nicht gerecht. Welchen Nutzen bringt er also?

Wenn wir die Geschichte vom Feigenbaum mit der von diesem Menschen vergleichen, bis zum Schluß, was wird dann wohl mit ihm passieren?

Aber nun doch noch etwas anderes – was jedoch unbedingt etwas mit der Begebenheit aus dem Evangelium zu tun hat.

Heute ist Familiengottesdienst, da ist meistens alles ganz anders, aber vielleicht hat es doch den einen oder anderen etwas verwundert, dass wir in zwei oder noch mehr Reihen im Kreisen sitzen, dass die Osterkerze in der Mitte steht und sich das ganze Geschehen ebenfalls in der Mitte dieses Kreises abspielt. Nach dem Pflanzen oder Säen am Anfang, dem blühenden Bäumchen danach, den Geschichten und Gedichten und dazu dem Evangelium, wird langsam zu ahnen sein, wohin die Geschichte läuft – von Innen nach Aussen, von der Mitte ins Leben und in die Welt – und der Bestimmung gemäß Frucht bringen – nach kurzer oder langer Zeit ......